Es steht viel auf dem Spiel, sehr viel. Vielleicht mehr als jemals seit Gründung der Europäischen Union. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Unumkehrbarkeit des Europäischen Einigungsprozesses.
Wenn heute beim Zusammenhalt der Eurozone Dämme reißen, werden es morgen andere auch: Dämme in der Flüchtlingspolitik, der Arbeitnehmerfreizügigkeit, den bürgerlichen Freiheiten im Schengen-Raum. Um nur einige zu nennen. Allen gemein wird sein, dass es zu einer Abkehr vom Weg der Lösung ganz Europa betreffender Fragestellungen auf europäischer Ebene kommen wird, hin zu nationalen Lösungswegen. Mit all den alten, lange überwunden geglaubten Problemen nicht miteinander kompatibler nationaler Wege. Denn die Summe aller nationalen Alleingänge in Europa ist nun einmal im Regelfall nicht eine funktionierende europäische Lösung, sondern unabgestimmtes Chaos. Chaos, das zu noch mehr Streit, zu noch mehr Problemen führt. Und in der Vergangenheit mehr als 1000 Jahre lang zu nahezu ununterbrochenem Krieg immer irgendwo in Europa geführt hat. Von letzterem sind wir zur Zeit innerhalb der Europäischen Union weit entfernt. Und so soll es auch bleiben. Aber direkt vor unserer Haustür bekommen wir tagtäglich vorgelebt, wie nahe dran wir immer noch sind an dieser alten voreuropäischen Form der Streitaustragung auf unserem Kontinent.
Deswegen sind alle Akteure heute gefordert innezuhalten und Mut zur Besonnenheit zu beweisen:
Den Mut sich zu besinnen auf unsere oft gepriesenen aber in der Wirtschafts-, Finanz- und Staatschuldenkrise zu wenig gelebten gemeinsamen europäischen Werte. Getragen vom allseitigen unbedingten Willen zum Kompromiss im Interesse der positiven Fortentwicklung ganz Europas. Geboren aus der Überzeugung, dass was gut für Europa im Ganzen ist, letztlich auch immer gut für das einzelne Land ist. Oft nicht perfekt, oft nicht auf den ersten Blick erkennbar, oft erst mittelfristig, häufig ruckelnd und zuckelnd - aber allemal besser als sämtliche Alternativen.
Neben einer vollständigen verbalen Abrüstung beider Seiten ist daher heute ehrliches, bedingungsloses Streben für eine gemeinsame Zukunft gefragt. Ohne wechselseitige Schuldzuweisungen, den Blick stets vorwärts gerichtet und nicht zurück. Das gilt für heute. Wo es ums Ganze geht. Um Sein oder Nichtsein des vollständigen Erhalts der Eurozone und der Weiterentwicklung der Europäischen Union.
Für morgen und übermorgen aber muss es eine ernsthafte Aufarbeitung der Vergangenheit geben. Denn diese ist unabdingbar zur wechselseitigen Wiedergewinnung verloren gegangenen Vertrauens und um aus den Fehlern der Vergangenheit endlich die richtigen Rückschlüsse für die gemeinsame Zukunft in der Eurozone und der gesamten Europäischen Union zu ziehen. Ohne intensive Paartherapie wird jede Streitbeilegung nur von kurzer Dauer sein.
Doch damit wir überhaupt erst soweit kommen, muss heute der erste Schritt in diese Richtung gemacht werden. Für alle Beteiligten ein sehr großer. Der allen Seiten sehr viel abverlangt. Der Überwindung erfordert. Und dem viele weitere Schritte auf einem nicht einfachen Weg folgen müssen.
Uneingeschränkte gegenseitige Achtung und immer währender Respekt vor dem anderen sind die Säulen, die wechselseitige Solidarität tragen können. Sie sind die Grundlage, um heute diesen ersten Schritt zu gehen. Diese zukunftsweisende Grundlage zu schaffen - nicht mehr, aber auch nicht weniger erwarten wir nach der Abwärtsspirale der vergangenen Wochen und Monate heute von allen Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union. Einheit in Vielfalt.