An die Staats- und Regierungschefs.
Die Tragödien, die sich unvermindert im Mittelmehr abspielen und viele Todesopfer fordern, verpflichten die Regierungen der Mitgliedstaaten mehr zu tun, als nur Schock und Trauer zu bekunden und leere Aussagen über Solidarität zu treffen.
Die wichtige Tatsache, dass Sie ein außerordentliches Treffen des Rates einberufen haben zeigt, dass ein volles Bewusstsein für die Dramatik der Ereignisse in Südeuropa entsteht.
Das Ziel der Europäischen Union muss es sein dieses neue Bewusstsein in politische Zusagen und praktisches Handeln umzusetzen und die humanitäre Herausforderung der Migrationsströme anzunehmen.
Wir alle wissen nur zu gut, dass diese Ereignisse ein Resultat der ungelösten Konflikte in Syrien, dem Horn von Afrika, Libyen und anderen Regionen sind, und dass jede Maßnahme, die das Problem der Migration bekämpft, nichts daran ändert, dass diese Konflikte dringend gelöst werden müssen.
Trotzdem muss sofort gehandelt werden, um dem was im Mittelmeer geschieht, in einem neuen humanitären Geist zu begegnen.
Erstens unterstreichen wir zum wiederholten Mal die Notwendigkeit von der EU koordinierte Such- und Rettungsaktionen in die Wege zu leiten bzw. zu verstärken. Um die Leben von Migranten, die auf dem Mittelmeer in Seenot sind, retten zu können, sollten diese Aktionen von den Mitgliedstaaten mit geeigneten Instrumenten und finanziellen Ressourcen unterstützt werden.
Des Weiteren müssen wir sichere und legale Wege für schutzbedürftige Menschen in die EU schaffen und verbessern, wie zum Beispiel die Vergabe humanitärer Visa oder Wiederansiedlungsprogramme. In diesem Zusammenhang sollte der EU-Ministerrat die Anwendung der "Richtlinie über die Gewährung vorübergehenden Schutzes" aus dem Jahr 2001 beschließen, die es Europa erlaubt, sicheren Zugang für bestimmte Gruppen von Migranten, welche besonderen Schutzes bedürfen, zu schaffen.
Darüber hinaus müssen wir einen Rückführungsmechanismus für den Notfall schaffen. Auch sollte eine Überarbeitung von "Dublin III" ernsthaft in Betracht gezogen werden - wie z.B. im kürzlich im Plenum verabschiedeten Bericht zu Menschenrechten gefordert - ebenso wie die Schaffung neuer Regeln für eine gerechte Verteilung von Asylsuchenden und Flüchtlingen zwischen den Mitgliedstaaten, um einen besser koordinierten europäischen Ansatz zu Immigration und Asylpolitik zu gewährleisten
Zudem müssen wir - in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden - gemeinsame Maßnahmen gegen kriminelle Netzwerke von Schleusern ergreifen, um zu verhindern dass diese durch Gefährdung von Leben von Migranten Geld verdienen.
Sehr geehrte Staats- und Regierungschefs, wir vertrauen darauf, dass die Entscheidungen, die Sie heute treffen werden, die Herausforderung in Form der beispiellosen Ereignisse, welche Europa momentan erlebt, bewältigen wird.
Wir sind uns bewusst, dass die Wirtschafts- und Finanzkrise es schwer macht das Verständnis der Öffentlichkeit für das Phänomen der Migration zu gewinnen, aber wir wissen auch, dass es Aufgabe der europäischen Staats- und Regierungschefs ist, eine langfristige Vision zu haben.
Es ist unser aller Aufgabe, das Grundprinzip von Solidarität und neuer Menschlichkeit neu zu errichten.
Gleichgültigkeit gegenüber den Schicksalen von Menschen, genauso wie die Unfähigkeit eine angemessene Lösung für die Lage ziviler Flüchtlinge zu finden, haben in der Vergangenheit zu Rassismus und entsetzlichen Tragödien geführt.
Sie tragen die große Verantwortung in dieser humanitären Notlage unseren gemeinsamen europäischen Werten treu zu bleiben und sicher zu stellen, dass Europa dem Leiden seiner Bürger und dem der vielen Flüchtlinge und Migranten, die voller Hoffnung auf ein Leben in Würde an unseren Küsten ankommen, nicht gleichgültig gegenübersteht.
Wir wünschen Ihnen einen erfolgreichen Arbeitstag
Hochachtungsvoll,
Hier das offizielle Schreiben im originalen englischen Wortlaut:
To the kind attention of the Heads of State and Government,
The tragedies that are happening, unabated, in the Mediterranean Sea, with their heavy death toll, compel the Member States’ governments to go beyond shock, grief and mere words on solidarity.
The important fact that you decided to convene an extraordinary meeting of the Council demonstrates to us that a new consciousness is rising, one that fully understands the reality of the dramatic events affecting the South of Europe.
The goal for the European Union must be to translate this new awareness into political commitments and practical actions; to live up to the humanitarian challenge it is facing due to the migratory flows.
We know all too well that recent events are a result of unresolved conflicts in Syria, the Horn of Africa, Libya and other regions, and that any action aimed at addressing the issue of migration can in no way be separated from the urgency of addressing and solving these conflicts.
However, immediate action is needed today to properly respond, with a new humanitarian spirit, to what is happening in the Mediterranean.
First, we reiterate the urgency of setting up and enlarging search and rescue operations coordinated at EU-level. These should be supported by adequate tools and financial resources provided by the Member States, with the purpose of saving the lives of migrants in distress in the Mediterranean Sea.
In addition, we have to create and increase the use of safe and legal avenues to the EU for people in need of protection, such as humanitarian visas or resettlement. In this context, the Council of Ministers should trigger the temporary protection directive of 2001, allowing for Europe to create safe access for special groups of migrants particularly in need of protection.
Furthermore, we need to create an emergency relocation mechanism.
Serious consideration should also be given to revising “Dublin III”, as stated, for example, in the recent report on Human Rights – approved in the Plenary Session – and the creation of new rules for the fair distribution of asylum seekers and refugees between the Member States in order to ensure a more coordinated European governance of immigration and asylum.
Finally, we need to develop joint actions, in close cooperation with the relevant agencies, against criminal networks of migrant-traffickers, in order to prevent them earning money by putting the migrants life at risk.
Dear Heads of State and Government we are confident that the decisions you will take today will meet the challenge posed by the unprecedented events Europe is witnessing and experiencing.
We are aware that the economic and financial crisis makes it difficult for the public to understand fully the migration phenomenon, but we also know it to be the task of European leaders to have a long term vision.
Rebuilding the rationale for renewed solidarity and a new humanity is the task of all.
Indifference to the fate of people, as well as an inability to respond to the difficult conditions of civilian refugees, have in the past been the spark for racism and appalling tragedies.
You have a great responsibility: to bring to life, in this humanitarian emergency, our shared European values and make sure that Europe is not detached from the suffering of its citizens and of the large numbers of refugees and migrants arriving on European shores hoping for a dignified life.
We wish you a fruitful day of work.
Yours faithfully